Dienstag, 18. August 2026

Willkommen im Weblog Grüne Sonnen


Wenn wir bedenken, dass wir alle
verrückt sind, ist das Leben erklärt.

Mark Twain

Wenn wir lesen, erfreuen wir uns nicht nur an den Worten des Autors, wir kommunizieren mit seinem Verstand (Martin Amis, The War Against Cliché, 2001). Geht es dabei um Phantastische Literatur, um Fantasy, dann nehmen wir an seinen Träumen, Visionen und an seiner Imagination teil. Aber auch an seiner Originalität, seiner Weltsicht und in gewisser Weise auch an seiner Ver-Rücktheit. Wie Tassen, die in einem Schrank aus ihrer Ordnung gerückt werden, so verrücken Autor:innen phantastischer Erzähltexte die Perspektive der Leser:innen auf dessen Realität und Gegenwart. Da Träume und Visionen ins Unendliche reichen, sind die Gründe der Fantasie nicht auslotbar.

Erzählungen der Fantasy handeln von uns allen. Die Autor:innen phantastischer Erzähltexte ergreifen in ihnen die Gelegenheit, das, was eine historische Realität nicht tradiert, zu ergänzen, Mythenabbrevationen auszuformulieren oder für unmöglich Gehaltenes, magisch zu inszenieren und als wahr zu behaupten. Fantasy behandelt die andere Seite der Vernunft, spiegelt Themen, die archetypisch, magisch und innerpsychisch verankert sind. Die Welt der Träume, Visionen, Wünsche und Passiones, die Atmosphären des Unheimlichen und Erschreckenden, des Numinosen und Spirituellen. Fantasy-Autoren:innen erzählen von der anderen Seite des Menschen, die in den Schatten des Rationalismus und Materialismus der Aufklärung und der Tyrannei des Verstandes geraten ist. Sie verhelfen einer sekundären Realität zurück in die Wahrnehmung, indem sie einen Gegenentwurf zu aktuellen persönlichen, sozialen und politischen Themen in einer literarischen Form präsentieren, die aus Unbewusstem schöpft und an Unbewusstes rührt.

Montag, 17. August 2026

Aen Ithlinnespeach


Altnordische, mythologische Konzepte in Sapkowskis The Witcher

»Verily I say unto you, the era of
the sword and axe is nigh,
the era of the wolf`s blizzard. [...]
Tedd Deireádh, the Time of End.«

Der Gegenstand meiner Studie ist das Motiv der Vorherbestimmung (›Aen Ithlinnespeach‹) in der epischen Saga The Witcher (2015) von Andrzej Sapkowski in Verbindung mit einem Paratext, mit dem Sapkowski seine Saga einleitet. In der erzählten Welt des Witchers bilden Vorherbestimmung und Eschatologie gemeinsam ein zentrales, narratives Motiv, das den Plot der fünf Romane der Saga strukturiert und das Worldbuilding dominiert. Dieses doppelte Leitmotiv wird in einer seiner frühen Kurzgeschichten - A Question of Price (2007) – vorbereitet, 1 in der Sapkowski seine Konzeption der Vorherbestimmung entwirft, und sie zum bestimmenden Narrativ seiner Saga macht. 2 Der erste Band der Witcher-Pentalogie, Blood of Elves, enthält einen einleitenden Paratext, die Prophezeiung ›Aen Ithlinnespeath‹, die dieses Leitmotiv aufgreift - dunkle Vorhersagen, in der düsteren und mysteriösen Atmosphäre einer Dark Fantasy.

»Verily I say unto you, the era of the sword and axe is nigh, the era of the wolf’s blizzard. The Time of the White Chill and the White Light is nigh, the Time of Madness and the Time of Contempt: Tedd Deireádh, the Time of End. The world will die amidst frost and be reborn with the new sun. It will be reborn of the Elder Blood, of Hen Ichaer, of the seed that has been sown. A seed which will not sprout but will burst into flame.« (BE. 5)

Meine Analyse der ›Aen Ithlinnespeath‹ beginnt mit einer Vorbemerkung, der Abgrenzung der Genre Mythologie, Fantasy und Dark Fantasy, mündet in die intertextuelle Einordnung der Prophezeiung des Paratexts, die sich an das bereits in den Kurzgeschichten konzipierte ›Child of Destiny‹ (BE. 274 oder BF. 707; 845; LL. 1339) als bedeutendste Protagonistin der Serie anschließt (vgl. SD sowie SM), und endet mit der Analyse von Sapkowskis Konzept der Vorherbestimmung, dem zentralem Narrativ der Witcher-Saga, das sich unmittelbar aus der eschatologischen Perspektive der Prophetie des einleitenden Paratexts in Blood of Elves (1994) ergibt.

Freitag, 23. Januar 2026

I am blood. I am vengeance, I am death.


Rhetorische Mittel und symbolische Codes in Anna Smith Sparks Kurzgeschichte Red Glass

«The blade itself incites to deeds of violence.»
Joe Abercrombie 1

«Der Akt der Zerstörung birgt eine Schönheit, die wir gern leugnen und eine Freude, die sich nicht leugnen lässt. Kinder bauen Türme, damit sie sie wieder umwerfen können, und obwohl wir um dieses Bedürfnis herum erwachsen werden, sitzt es weiter in uns. Tiefer als unser Blut. Gewalt ist die Sprache der Zerstörung, das lebendige Fleisch sooft ihr Gegenstand, letztlich kostbar, in Sekundenschnelle ruiniert.»
Mark Lawrence 2

Einleitung

Gewalt als unentrinnbare Realität? Schönheit, die aus Zerstörung entsteht? Der Verlust von Identität unter dem Diktat absoluter Macht? Eine fatalistische Weltanschauung; gar nihilistisch? Die Ästhetik der Gewalt und des Grauens ist das Thema, das Anna Smith Spark in ihrem erzählerischen Werk reflektiert.3 Themen, die in unserer Gesellschaft allgegenwärtig sind, ungeliebt, am liebsten geleugnet, unter den sprichwörtlichen Teppich gekehrt, in der Hoffnung, dass das, was öffentlich nicht sichtbar ist, übersehen oder vergessen wird. Anna Smith Spark zerrt an diesem Schatten des Menschseins, und führt uns in ihren Erzählungen die extremen Konsequenzen seiner Verdrängung unbarmherzig vor Augen. Gegenstand meiner Studie sind die narrativen Mittel, mit denen die Autorin diese Schattenseiten – vor allem Krieg, Gewalt und Zerstörung – thematisiert. Um Smith Sparks Kurzgeschichte Red Glass in die mittlerweile schon seit Jahrzehnten unentschiedene Debatte über Gewalt in unserer Gesellschaft einzuordnen, fasse ich zu Beginn den aktuellen Stand der Diskussion zusammen. In weiteren Kapiteln kommentiere ich meine Synopsis der Erzählung, analysiere Smith Sparks Stil und Rhetorik, interpretiere die Symbolik des zentralen Artefakts, des roten Glases, damit abschließend die Motivation der Autorin sowie die Bedeutung des Narrativs der Gewalt in ihren Erzähltexten nachvollziehbar wird.

Dienstag, 20. Januar 2026

Ein spektakulärer Coup - Brandon Sandersons Heist-Plot


Einleitung

Erzählungen über Diebe, Ganoven und Kleinkriminelle bilden seit Jahrhunderten ein beliebtes Figurentableau fiktionaler Erzählungen, in Schemaliteratur, Belletristik, Tragödie und Komödie, aber auch in den literarischen Werken eines Schillers, Shakespeares oder Dickens, Werke, die gerne als Weltliteratur reüssieren. Vom Filmmetier ganz zu schweigen, wie neuerdings die Netflix-Serie La casa de papel vorführt. Ein nach willkürlichen Kriterien aussortierter Teil unserer literarischen Tradition wird durch die Bezeichnung Literatur geadelt, während andere literarische Werke gerne geringschätzig „Genreliteratur“ genannt werden, bleibt doch unzweifelhaft, dass Literatur, Buchstaben- oder Schriftkunst, nicht monopolisiert werden kann noch teilbar ist. Oralität und Literalität, Sprache und Schrift, sind die beiden Kategorien, in denen sich Erzähltes präsentiert und tradiert wird, unabhängig von Bewertung und Qualität. Doch dazu bedarf es eines Rahmens.
Der Gegenstand der folgenden Studie ist die Analyse des Plotmodells, das Brandon Sanderson im ersten Band der Mistborn-Serie verwendet (2009-2010).1 Sandersons Serie ist ein populäres Beispiel für einen Heist-Plot in der Fantasy, in dem ein Team von Allomanten,2 sie alle sind Diebe, Attentäter und Revolutionäre, die mit magischen Fähigkeiten und kriminellen Aktivitäten einen spektakulären Diebstahl planen, und gleichzeitig den Umsturz eines tyrannischen, autokratischen Systems in die Wege leiten. Es ist verführerisch am Beispiel von Brandon Sandersons Heist-Plot die Schwierigkeiten bestimmter „grundlegender“ Handlungsmuster zu untersuchen, auf die sich Ronald B. Tobias mit seinen 20 Master Plots festgelegt hat um zu sehen, was Tobias Kategorien übrigbleibt, wenn man genauer hinschaut.3

Freitag, 16. Januar 2026

Elaine blath, Feainnewedd


Ein Paratext aus Andrzej Sapkowskis The Witcher

«Elaine blath, Feainnewedd . . . Child of the Elder Blood.»1

Einleitung

Gegenstand dieser Studie ist ein Paratext in Andrzej Sapkowskis erstem Roman der Witcher-Pentalogie, Das Erbe der Elfen,>2 der in der polnischen Originalfassung auf der Rückseite des Titelblatts abgedruckt ist (Krew elfów). In der deutschen Übersetzung leitet dieser Paratext - der in der englischen Fassung, Blood of Elves, fehlt - den Roman ein. Paratexte gehören im Fantasy-Genre zu einer beliebten Textsorte. Es handelt sich bei ihnen um kurze, prägnante Texte, Begleiter in Form von Vorworten, Notizen, Kommentaren, Leitmotiven, Mottos, Widmungen, Zitaten oder die unverzichtbaren Landkarten der erzählten Welt. Diese Begleittexte gehören nicht unmittelbar zur Erzählung, setzen aber oft einen dramaturgischen Fokus, der dazu in der Lage ist, der Fiktion eine illusorische Faktizität zu verleihen. Andrzej Sapkowski behauptet auf diese Weise in der Witcher-Saga einen fiktionalen, historischen Hintergrund, vor dem sich das Geschehen entfaltet - eine Erzählung hinter der Erzählung. Paratexte bilden ein Vestibül, wie in der antiken römischen Architektur, den geschmückten Platz zwischen Straße und Haustür der vornehmen Patrizierhäuser, den Übergang zwischen Forum und Atrium.