Intertextualität im narrativen Universum von Carlos Ruiz Zafón
»Aber die Zeit existiert nicht, es sei denn, um zu verschwinden,
und die Erinnerung schiebt den Fuß in die Tür.«
(Nooteboom 182.
Eine phantastische Erzählung
Gegenstand meiner Studie bildet das narrative Instrumentarium einiger Kurzgeschichten des katalanischen Autors Carlos Ruiz Zafón, exemplarisch demonstriert anhand seiner Kurzgeschichte Gaudí in Manhattan (2004 / 2021) als ein paradigmatisches Beispiel, in denen das Phantastische »hovers in the corner of our eye« (Mendlesohn xiv). Literarische Texte stehen selten allein; sie tragen die Spuren anderer Texte, Gattungen und kultureller Bildwelten in sich. Auch C. Ruiz Zafóns Kurzgeschichten entfalten ihre Wirkung aus einem Netz von Verweisen. Der Erzähltext erzählt nicht einfach eine neue Geschichte, sondern scheint sich gleichsam aus bereits vorhandenen literarischen und ästhetischen Stoffen zusammenzusetzen: aus dem Mythos Antoni Gaudís ebenso wie aus Motiven und Erzählmustern der Gothic Novel und der Schwarzen Romantik. Gerade in dieser Überlagerung entsteht eine eigentümliche Atmosphäre zwischen historischer Realität, Phantastik und Unheimlichem. Im Sinne Gérard Genettes lässt sich die Kurzgeschichte Gaudí in Manhattan als Hypertext verstehen, der auf verschiedene Hypotexte beziehungsweise Prätexte zurückgreift und diese transformiert. Der historische Gaudí und sein Werk bilden dabei nur eine Ebene. Mindestens ebenso bedeutsam ist das literarische Archiv der Schauertradition: die Faszination für das Geheimnisvolle und Verbotene, für dunkle Räume und labyrinthische Architektur, für verborgene Identitäten, obsessive Figuren und die Grenze zwischen Vernunft und Wahn. Elemente, die aus der Gothic Novel vertraut sind, werden nicht einfach übernommen, sondern in einen neuen erzählerischen Zusammenhang überführt. Das Unheimliche entsteht dabei gerade aus der Spannung zwischen einer scheinbar rational erfassbaren Welt und dem Einbruch des Phantastischen in diese Welt. Damit knüpft Zafón an eine literarische Tradition an, in der Architektur selbst zum Träger des Unheimlichen werden kann. Gebäude sind nicht bloß Schauplätze, Räume verbergen Geheimnisse, Wahrnehmungen werden zu Projektionsflächen psychischer Zustände verschoben. Gerade darin öffnet sich eine besondere Verbindung zu Gaudís Architektur: Ihre organischen Formen, ihre Abweichung von klassischen Proportionen und ihre phantastische, beinahe traumartige Wirkung lassen sich mit dem ästhetischen Prinzip der Schwarzen Romantik verschränken. Das Fremdartige und Schöne liegen eng beieinander – und eben dadurch wird das Schöne potenziell unheimlich.