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Donnerstag, 10. September 2026

Ein Labyrinth aus Erinnerung, Dunst und Zeit


Intertextualität im narrativen Universum von Carlos Ruiz Zafón

»Aber die Zeit existiert nicht, es sei denn, um zu verschwinden,
und die Erinnerung schiebt den Fuß in die Tür.«
Nooteboom 182

Eine phantastische Erzählung

Gegenstand meiner Studie bildet das narrative Instrumentarium einiger Kurzgeschichten des katalanischen Autors Carlos Ruiz Zafón, exemplarisch demonstriert anhand seiner Kurzgeschichte Gaudí in Manhattan (2004 / 2021) als ein paradigmatisches Beispiel, in denen das Phantastische »hovers in the corner of our eye« (Mendlesohn xiv). Literarische Texte stehen selten allein; sie tragen die Spuren anderer Texte, Gattungen und kultureller Bildwelten in sich. Auch C. Ruiz Zafóns Kurzgeschichten entfalten ihre Wirkung aus einem Netz von Verweisen. Der Erzähltext erzählt nicht einfach eine neue Geschichte, sondern scheint sich gleichsam aus bereits vorhandenen literarischen und ästhetischen Stoffen zusammenzusetzen: aus dem Mythos Antoni Gaudís ebenso wie aus Motiven und Erzählmustern der Gothic Novel und der Schwarzen Romantik. Gerade in dieser Überlagerung entsteht eine eigentümliche Atmosphäre zwischen historischer Realität, Phantastik und Unheimlichem. Im Sinne Gérard Genettes lässt sich die Kurzgeschichte Gaudí in Manhattan als Hypertext verstehen, der auf verschiedene Hypotexte beziehungsweise Prätexte zurückgreift und diese transformiert. Der historische Gaudí und sein Werk bilden dabei nur eine Ebene. Mindestens ebenso bedeutsam ist das literarische Archiv der Schauertradition: die Faszination für das Geheimnisvolle und Verbotene, für dunkle Räume und labyrinthische Architektur, für verborgene Identitäten, obsessive Figuren und die Grenze zwischen Vernunft und Wahn. Elemente, die aus der Gothic Novel vertraut sind, werden nicht einfach übernommen, sondern in einen neuen erzählerischen Zusammenhang überführt. Das Unheimliche entsteht dabei gerade aus der Spannung zwischen einer scheinbar rational erfassbaren Welt und dem Einbruch des Phantastischen in diese Welt. Damit knüpft Zafón an eine literarische Tradition an, in der Architektur selbst zum Träger des Unheimlichen werden kann. Gebäude sind nicht bloß Schauplätze, Räume verbergen Geheimnisse, Wahrnehmungen werden zu Projektionsflächen psychischer Zustände verschoben. Gerade darin öffnet sich eine besondere Verbindung zu Gaudís Architektur: Ihre organischen Formen, ihre Abweichung von klassischen Proportionen und ihre phantastische, beinahe traumartige Wirkung lassen sich mit dem ästhetischen Prinzip der Schwarzen Romantik verschränken. Das Fremdartige und Schöne liegen eng beieinander – und eben dadurch wird das Schöne potenziell unheimlich.

Samstag, 31. August 2024

Das Böse als Erzählfigur: Worldbuilding

Carlos Ruiz Zafóns fiktionale Jugendromane Die Trilogie des Nebels und Marina, Teil Zwei


. . . das Schloss, ein kathedralartiges Hirngespinst, Ausgeburt
einer überspannten, gequälten Phantasie . . . glich allmählich
einem in den Stein gehauenen, klaustrophobischen Schlund.

Carlos Ruiz Zafón


Vorbemerkung

Wer von einer Lektüre mehr erwartet als genüsslich spannende Unterhaltung, worin auch ihr eigentlicher Sinn besteht, mehr als bloßen Konsum dessen, was Autor*innen in monatelanger Arbeit in ihrer Fantasie konstruiert und auf hunderten Buchseiten inszeniert haben, findet einen besonderen Zugang zu einer Erzählung. Wer sich aufmacht, tiefer in die narrative Welt der Erzählfiguren einzutauchen, muss sich mit der erzählten Zeit und der erzählten Welt, dem Wordbuilding der Erzählung beschäftigen, die ihn eben erst verzaubert hat. Und besonders muss er die Figuren der erzählten Welt näher kennenlernen, die nicht mit dem Autor oder der Autorin, aus deren Fantasie und Feder die Erzählung floss, identisch sind. Es sind die Erzählfiguren, die dem Worldbuilding einer Geschichte Leben einhauchen. Mit ihnen steht oder fällt jede Erzählung. Um die Orte des Bösen und deren Atmosphäre in der Trilogie des Nebels näher zu bestimmen, beschränke ich mich in meinen Ausführungen auf die beiden Merkmale, die Zafóns Romanen ihre innere Struktur verleihen:

  • Einerseits sind das die Orte des Geschehens, denen eine spezifische Atmosphäre anhaftet, die sich in der Trilogie als Nicht-Orte manifestieren, wenn das Böse sie besetzt: Spukhäuser, Ruinen, verwilderte oder verlassene, abgelegene unheimliche Lost Places jeglicher Couleur als Rückzugsgebiete des Bösen.
  • Andererseits die Manifestation dieser Atmosphären an den Nicht-Orten der Trilogie, den Antagonisten, die wie reale Personen auftreten, auf die ich im dritten Teil meiner Betrachtung eingehen werde.

Donnerstag, 22. August 2024

Das Böse als Erzählfigur: Einleitung

Carlos Ruiz Zafóns fiktionale Jugendromane Die Trilogie des Nebels und Marina, Teil Eins


Sie wusste, dass die Schatten der großen Stadt
sie hier nicht erreichen konnten, doch die
Erinnerungen ließen sich nicht aufhalten.

Carlos Ruiz Zafón

Vorbemerkung

Liebhaber*innen von Carlos Ruiz Zafóns Tetralogie Der Friedhof der vergessenen Bücher (El Cementerio de los Libros Olvidados) kommt es nicht gleich in den Sinn, dass Zafón seine Karriere als Autor von vier fiktionalen Jugendromanen (young adult fiction) begann, deren Thema und Inhalt oberflächlich betrachtet nichts mit dem Werk zu tun haben, mit dem er berühmt wurde. Allerdings nur auf den ersten Blick, denn beide Serien teilen die Vorliebe des Autors für mysteriöse Orte und düstere Atmosphären, der mit seiner Melange aus Grusel und Mystik sowie Detektiv- und Abenteuergeschichten seine Leser*innen verzaubert. Werkinterne und werkexterne Intertextualität inklusive.