Ein Paratext aus Andrzej Sapkowskis The Witcher
«Elaine blath, Feainnewedd . . . Child of the Elder Blood.»1
Einleitung
Gegenstand dieser Studie ist ein Paratext in Andrzej Sapkowskis erstem Roman der Witcher-Pentalogie, Das Erbe der Elfen,2 der in der polnischen Originalfassung auf der Rückseite des Titelblatts abgedruckt ist (Krew elfów). In der deutschen Übersetzung leitet dieser Paratext - der in der englischen Fassung, Blood of Elves, fehlt - den Roman ein. Paratexte gehören im Fantasy-Genre zu einer beliebten Textsorte. Es handelt sich bei ihnen um kurze, prägnante Texte, Begleiter in Form von Vorworten, Notizen, Kommentaren, Leitmotiven, Mottos, Widmungen, Zitaten oder die unverzichtbaren Landkarten der erzählten Welt. Diese Begleittexte gehören nicht unmittelbar zur Erzählung, setzen aber oft einen dramaturgischen Fokus, der dazu in der Lage ist, der Fiktion eine illusorische Faktizität zu verleihen. Andrzej Sapkowski behauptet auf diese Weise in der Witcher-Saga einen fiktionalen, historischen Hintergrund, vor dem sich das Geschehen entfaltet - eine Erzählung hinter der Erzählung. Paratexte bilden ein Vestibül, wie in der antiken römischen Architektur, den geschmückten Platz zwischen Straße und Haustür der vornehmen Patrizierhäuser, den Übergang zwischen Forum und Atrium.
Sapkowskis Paratext «Elaine blath, Feainnewedd» leitet die Witcher-Saga ein, und setzt den Impuls für das Kommende.3 Das Gedicht ist die lyrisch verdichtete Komposition eines für die erzählte Welt relevanten Ereignisses, das eine Interpretation fordert, damit es seine kryptische Botschaft preisgibt. Die Leser:innen befinden sich auf der ersten Seite des Romans, und sind dazu noch nicht in der Lage, sodass das Gedicht zunächst eine mysteriöse Atmosphäre umgibt, eher eine atmosphärische Einstimmung, die das Gefühl und nicht den Verstand anspricht. Mit ihren Paratexten statten Autor:innen ihre Leser:innen mit erweitertem Kontextwissen aus. Da diese Texte wichtige Informationen über eine Erzählung auf Nebenwegen einführen, ist eine eingehende Auseinandersetzung mit ihnen immer lohnenswert. Andrzej Sapkowski macht sich die Mode des Paratexts zunutze, indem er den ersten Roman der Wicher-Saga mit zwei - nur auf den ersten Blick - unterschiedlichen Paratexten eröffnet: einem lyrischen und einem prosaischen Text, die beide auf das Ende der bekannten Welt hinweisen.4
Die Kunstsprache Hen Llinge
Eine linguistische Analyse von Sapkowskis Hen Llinge, mittels in der Saga verwendeter Wörter, Phrasen oder Formeln, kann nur einen fragmentarischen Versuch darstellen. Seine Hen Llinge ist keine vollständige Kunstsprache wie Tolkien`s Sindarin oder Quenya, sondern eine künstliche, pseudo-konstruierte Sprache mit begrenztem Vokabular und unvollständiger Grammatik.5 Die Hen Llinge (Elder Speech) ist als elfische Altsprache konzipiert, deren Wortschatz stark von keltischen Sprachen beeinflusst ist - insbesondere Irisch, Schottisch-Gälisch und Walisisch. Die Hauptquellen seiner Hen Llinge sind keltisch-gälische Sprachen: Walisisch (gw-, -dd, ll) und Irisch, besonders bei Nomen oder lexikalischen Wurzeln, Latein für die Verben „sein“ und „haben“ sowie einige abstrakte Begriffe und die Verbendungen [-a] und [-ea] der modernen romanischen Sprachen mit melodischem, vokalreichen Satzfluss. Das Polnische, Sapkowskis Muttersprache, spiegelt sich in Rhythmus, Wortwahl und Syntax. Die Hen Llinge lehnt sich stark an diese Sprachen an, und ist als flexibles, narratives Mittel erweiterbar. Sapkowski nutzt seine Kunstsprache mehr als ästhetisches Stilmittel, nicht als funktionales Sprachsystem wie Tolkien. Hinzu kommen kreative Erfindungen, denn viele Lexeme existieren nur, wenn sie narrativ gebraucht werden. Und was noch dazu kommt: Sapkowski patcht die Hen Llinge nach Belieben. Dies zusammen betrachtet, erweist sich die Hen Llinge als eine polyglotte, ästhetische Hybrid-Kunstsprache mit keltisch-ornamentiertem Wortschatz, romanischen und lateinischen Verbformen, elfen-ähnlichen Phonotaktiken sowie einer flexiblen, narrativ gesteuerten Grammatik. So sieht kein voll entwickeltes Sprachsystem aus, sondern ein stilistisch konsistentes, sprachliches Artefakt, das Atmosphäre erzeugt und historische Tiefe vorspiegelt. Dieses sprachliche Gemenge, erfundene Elemente für Formeln, Ritual und Magie, wirkt mystisch, alt-ehrwürdig, melodisch, ethnisch verankert, und deshalb funktional für die Erzählung.
In der Kurzgeschichte «Sword of Destiny» begrüßt der Hexer Geralt von Riva die Dryaden von Brokilon mit einer Formel in Sapkowskis künstlicher Sprache: «Caédmil! Vá an Eithné meáth e Duén Canell! Esseá Gwynbleidd!»6 Diese Grußformel spiegelt sehr gut den Sprachmix der Hen Llinge wider. Die Kombination verschiedener Sprachen erzeugt eine konstruierte Aura, die sehr „fantasy-elfisch“ und gleichzeitig glaubwürdig und sprachlich vielschichtig wirkt. Die im Zitat verwendeten freien Morpheme werden oft in rituellen, elfischen oder magischen Kontexten verwendet, was der Hen Llinge eine sakrale beziehungsweise elitäre Aura verleiht. Besonders durch die starke Anlehnung an keltisch-gälische Idiome entsteht eine uralt wirkende, mystische Atmosphäre. Gleichzeitig sorgen die Einflüsse aus dem Lateinischen und dem Italienischen dafür, dass Sapkowskis Hen Llinge nicht rein „fantasy-keltisch“ wirkt, sondern durch konjugierbare Verben und eine abstrakte Lexik die Verbindlichkeit, Tiefe und Struktur bekommt, die charakteristisch für die künstlichen Sprachen der Fantasy ist. Und genau für diesem Zweck werden sie entwickelt.
Der Paratext «Elaine blath, Feainnewedd»
Die deutsche Ausgabe des ersten Romans der Witcher-Saga beginnt mit dem bereits erwähnten Gedicht, einem Fünfzeiler, in Sapkowskis Hen Llinge verfasst, der kryptisch auf eine Prophezeiung anspielt, die für die gesamte Witcher-Pentalogie relevant ist:
«Elaine blath Feainnewedd
Deárme aen a’cáelme tedd
Eigean evelienn deireádh
Que’n esse, va en esseáth
Feainnewedd, elaine blath!»7
Die deutsche Ausgabe schließt diesen lyrischen Paratext mit einem weiteren, das Gedicht erklärenden Paratext ab: «Das Blümchen, Wiegenlied und beliebter Abzählvers der Elfen». Keine weitere Erklärung. Keine Übersetzung. Die Leser:innen bleiben mit diesen fremdartigen Zeilen sich selbst überlassen. Dieser Paratext verlangt mündige, aktive Leser:innen, die sich nicht damit zufriedengeben, etwas eben nur nicht zu verstehen, sondern die dem Unverstandenen nachgehen. Online kursiert eine Übersetzung dieses Gedicht ins Polnische, die so allerdings nicht akzeptabel ist. Einerseits konterkariert sie den Dark-Fantasy-Modus der Erzählung, andererseits weist sie semantische Lücken und Ungenauigkeiten auf, die einen falschen Eindruck vom Inhalt des Gedichts wecken, und man ahnt, warum der dtv-Verlag auf eine Übersetzung verzichtet:
«Schöne Blume, Kind der Sonne,
Träume von Frieden auf Erden,
Doch jede Zeit stört das Leben,
Was noch besteht, erwartet sein Ende,
Schöne Blume, Kind der Sonne!»8
Die Übersetzung des Gedichts aus dem Polnischen ins Deutsche funktioniert kontextuell nicht. Wie ich im Folgenden zeigen werde, bietet die Fahndung nach der Herkunft des verwendeten Vokabulars die Möglichkeit einer Interlinearübersetzung des Gedichts, die die Bedeutung des Paratexts dekodieren kann. Sapkowskis Preisgedicht9 verehrt «Elaine blath, Feainnewedd» als messianische Erlösergestalt, verfasst in der gebundenen Sprache, die in seiner erzählten Welt von den Hochelfen gesprochen wird, den Aen Seidhe, dem Hügelvolk.10 Die Verse des Gedichts sind poetisch und elliptisch komponiert, sodass eine Übersetzung nicht behaupten kann, Inhalt und Bedeutung eines fremdsprachigen Gedichts symmetrisch wiederzugeben. Gerade die Übertragung von Dichtung in ein anderes Idiom ist prinzipiell äußerst schwierig, da ausnahmslos jede Dichtung empfindlich gegenüber Übersetzungen ist. Da bildet Sapkowskis Hen Llinge keine Ausnahme. Auch meine freie Übersetzung des lyrischen Paratexts stößt auf diese erheblichen Schwierigkeiten, versucht man Sinn in Sapkowskis Gedicht zu bringen; selbst wenn man voraussetzt, dass sich Sapkowski für die Wortbildung an den erwähnten Sprachen orientiert hat.11
Das bereits erwähnte polnische Fandom-Portal Wiedźminska Wiki gibt unter dem Lemma Kwiatuszek (kleine Blume) an, dass Sapkowskis Büchern - welche zitiert der Autor nicht - zu entnehmen ist, dass der Originaltitel des Gedichts Kleine Blume lautet und es sich um ein «kołysanka i popularna dziecinna wyliczanka elfów» handelt, ein Schlaflied, einen beliebten Kinderreim für Elfen.12 Die Interlinearübersetzung der einzelnen Zeilen des Gedichts aus Sapkowskis Kunstsprache führt, wie im Folgenden demonstriert, zu einem alternativen Ergebnis: Schlaflied oder Kinderreim trifft, wenn überhaupt, allenfalls verharmlosend die Oberfläche. Hinter der harmlosen Kleinen Blume verbirgt sich eine weitaus düstere Bedeutung.
Die Übersetzung der ersten und fünften Zeile des Gedichts «Elaine blath, Feainnewedd» als „Schöne Blume, Kind der Sonne“, scheint unstrittig, wenn auch, um dem mittelalterlichen Setting der Witcher-Saga gerecht zu werden „Holde Maid, Du Kind der Sonne“ eine bessere, freie Übersetzung ist.13
Original - «Elaine blath, Feainnewedd»
Interlinear - Schöne Blume = (Du) = Kind (der) Sonne
Während es für diese Zeile mehrere Belegstellen in Sapkowskis Pentalogie gibt, werden die drei mittleren Verse des Gedichts nirgendwo erwähnt. Sie widersetzen sich deshalb auch der gleichen eleganten und leicht verständlichen Übersetzung. Dem ersten Lexem der zweiten Zeile des Gedichts - «dearme» - begegnet der Lesende in der Kurzgeschichte «Sword of Destiny»: «Sleep well. Goodnight, Braenn.» / «Deárme, Gwynbleidd.» (SD. 273)14 Das Wiedźminska-Wiki-Wörterbuch übersetzt «dearme» mit dem polnischen Äquivalent śpij, spać, dobranoc, schlafen, gute Nacht, mit träume, was nicht das gleiche ist. „Schlaf gut!“ oder „Gute Nacht!“ entspricht mehr der Bedeutung von «Deárme, Gwynbleidd!». Eine erläuternde Belegstelle für dieses Lexem gibt es in den Romanen nicht. Den sprachlichen Fundus vorausgesetzt, den Sapkowsik für seine Kunstsprache ausgeschöpft hat, kann «dearme» auch als ein Derivat des altirischen dearbh - wahr, sicher, wirklich - gelesen werden. Das Suffix [-me] am Wortende verändert die grammatische Form von dearbh zu dear=me . Besonders im keltisch-gälischen, wozu das Altirische gehört, existieren Personalpronomina als Flexionsendungen. Diese Ableitung vorausgesetzt, kann man «dearme» auch als „ich (bin) wahr-wirklich“ übersetzen, sodass sich das erste Lexem der zweiten Zeile auf die in der ersten Zeile genannte Person beziehen lässt: Ich (bin) wirklich (nämlich Elaine blath, Feainnewedd). Akzeptiert man diese Übersetzung für «dearme» stellt sich natürlich die Frage: Wie bezieht sich das Verb auf sein Subjekt, das «a`cáelme» in den Fokus rückt? Wie «dearme» kommt auch «a`cáelme» nur ein einziges Mal in der Witcher-Pentalogie vor, nämlich in dem Gedicht des ersten Paratexts. Weder im deutschen, englischen oder polnischen Fandom-Glossar gibt es eine Referenz, was erstaunt, handelt es sich bei «a`cáelme» doch um ein Lexem, das in der polnischen Version mit pokój (Frieden) übersetzt wird. «A`cáelme» ist das einzige Lexem des Gedichts, das in keinem Glossar enthalten ist. Wie also kommt es zu der Übersetzung ins Polnische? Ich kann diese Frage nicht beantworten, biete stattdessen eine mögliche Alternative an, die meinen Vorschlag für «dearme» unterstützt und die Person der ersten Zeile des Gedichts berücksichtigt. Ich halte das Lexem «a`cáelme» für ein weiteres konstruiertes Derivat. In seine phonetischen Bestandteile zerlegt – a`=cáel=me - bildet cáel das semantische Zentrum. Etymologisch könnte cáel mit dem Proto-keltischen *koulis und dem Altirischen coil verwandt sein, beides Derivate des Proto-indoeuropäischen Etymon *koyHlo. Im Altirischen bedeutet cael schlank, fein, himmlisch, und ist mit dem lateinischen caelum, Himmel, verwandt.15 Meine Ableitung von «a`cáelme» in der Bedeutung von Himmel oder Sphäre ist spekulativ, doch eine poetische Neuschöpfung Sapkowskis auf Basis des lateinischen caelum ist nicht allzu unwahrscheinlich. Die Bedeutung des dritten Lexems der zweiten Zeile, «tedd» ist unproblematisch. Das Lexem verfügt über ein breiteres semantisches Feld in der Saga mit den Derivaten Zeit, Zeitalter, Schicksal (hinsichtlich eines Abschlusses oder einer Bestimmung).16 «Tedd» kommt in dem zentralen Nominalkompositum der Witcher-Saga vor - «Tedd Deireadh» - in der Bedeutung Ende der Welt, Ende der Zeiten oder Ende des Zeitalters. Die Bedeutung auf Erden in der deutschen Übersetzung finde ich allzu frei und irreführed und deshalb fraglich. Die beiden ersten Zeilen des Gedichts interlinear übersetzt, lauten dann, abweichend von der deutschen Übersetzung des Gedichts aus dem Polnischen:
Original - «Dearme = aen a’cáelme = tedd»
Interlinear - Ich bin (wirklich) = (von) himmlischer = Bestimmung17
Für die Bedeutung des ersten Lexems der dritten Zeile - «eigean» - gibt es in Blood of Elves einen interessanten Beleg: «Va’esse deireádh aep eigean! - Something is coming to an end!»18 Die Textstelle - «Something is coming to an end!» - ist ein Originalzitat, dem nicht zu widersprechen ist. Entsprechend übersetzt auch Wiedźminska Wiki «eigean» mit Beginn, beginnen.19 Zusammen mit «deireádh», dem Ende eines Zeitalters, deutet auch «eigean» auf ein Ende hin, was der angegebenen Wortbedeutung auf den ersten Blick widerspricht. Mit «deireádh» weist das Gedicht auf einen Prozess hin, an dessen Ende das gegenwärtige Zeitalter endültig abgeschlossen ist, mit eigean beginnt der Untergang – coming to an end. Dennoch trifft dieser scheinbare Widerspruch die Formel der Hen Llinge unerklärt empfindlich, gehört sie doch zu den bekanntesten Hen-Llinge-Sätzen der Witcher-Saga, die das zentrale kosmische Motiv der Saga formuliert.20 Diese Formel präsentiert sich als eine dreiteilige Konstruktion: «va’esse», etwas wird (gehen), im Sinne von ereignen; «deireádh», Ende das Zeitalters; «evelienn», ein zusammengesetztes Nomen in der Bedeutung so wie ein Kind, wie eine Blüte21 und «eigean», Ende (coming to an end). Im Kontext der Witcher-Saga steht diese Formel, die sich auf den Inhalt des zweiten Paratextes in Blood of Elves bezieht, in engem Zusammenhang mit der Prophezeiung der Ithlinne, Cirillas Rolle als Kind des Älteren Bluts, sowie der Sphärenkonjunktion und der Vorstellung eines zyklisch apokalyptischen, regenerativen Prozesses. «Deireádh», falls ebenfalls ein irisch-gälisches beeinflusstes Derivat, bedeutet, wie bereits erwähnt, Ende, Abschluss, letzte Zeit.
Original - «Eigean = evelienn = deireádh»
Interlinear - (etwas) beginnt zu enden = Kind-Blüte (Elaine blath) = [und das] Ende
Diese Übersetzung ist nicht überinterpretiert, denn mit den Begriffen «deireádh», Ende, und «eigean», Beginn, befindet man sich im Kontext der Prophezeiung von Ithlinne, die voraussagt, dass durch das Ältere Blut (Hen Ichaer) - das ist Cirilla, die Untergang und Neubeginn repräsentiert - die Welt vernichtet und gerettet wird. Die Formel «Va’esse deireádh aep eigean! wird im Erzähltext verwendet, um Cirilla als diejenige zu bezeichnen, die das alte Zeitalter beenden und das neue beginnen wird. So betrachtet, transportiert diese Aussage drei zentrale, narrative Dimensionen, die die Semantik des Gedichts nur äußerst sparsam andeutet,nämlich
- eine genealogisch-magische Ebene, die Cirilla (Feainnawedd) als Trägerin des Hen Ichaer - der Älteren-Blut-Linie, Erbin der Vergangenheit und der Zukunft - auszeichnet;
- eine zyklische Zeitauffassung, die auf ein Verständnis der Zeit als ein Kreis anstatt einer linearer Abfolge hinweist: Ende → Anfang → Ende → Anfang und so weiter;
- eine eschatologische Ebene, weil Cirilla diejenige ist, die das Ende der Welt (des gegenwärtigen Zeitalters der erzählten Welt) laut Ithlinnes Prophezeiung herbeiführen oder verhindern kann.
Die Elfen-Ethnien der Aen Elle und Aen Seidhe benutzen diese Formel für Propheten oder Personen, die die Hen Llinge - als Elfenfreunde22 - sprechen, oder die um die Tiefen der Prophezeiung wissen. Sie dient als Synonym für Cirilla, vergleichbar mit einem mystischen Titel wie beispielsweise: Die Eine (Elaine blath, Feainnewedd), die den (Welten)Kreis schließt (eigean-deireádh) oder neu beginnt. Wieder einmal spielt Sapkowski bewusst mit indogermanischem Material,
- mit gälischen Sprachfragmenten «deireadh», Ende eines Zeitalter; «(aep) eigean», etwas beginnt zu enden;
- mit weltenwandelnden Kindgestalten wie Mabon, Lugh oder Taliesin;
- mit prophezeiten, ambivalenten Figuren, die gleichermaßen Zerstörer oder Retter werden können.
Die Formel «Va’esse deireádh aep eigean!» weckt archaisch-poetische Assoziationen, die eng mit europäischen Mythentraditionen verbunden sind. In der Witcher-Pentalogie verdichtet sie die Prophezeiung, die auf Cirilla verweist, die sowohl das Ende der Welt (oder Sphäre) als auch den Anfang einer neuen einleitet. Diese Formel kodiert ihre Rolle als Knotenpunkt kosmischer Zyklen. So verstanden, macht die deutsche Übersetzung der dritten Zeile - „Doch jede Zeit stört das Leben!“ - auch nicht wirklich Sinn, denn das ist eine Binsenweisheit, die den geschilderten Kontext des Gedichts, der in den Worten verborgen ist, nicht erklärt.
Für die Partikel «que`n» in der vorletzten Zeile lässt sich eine Anlehnung an das altfranzösische beziehungsweise provenzalische que - dass, wie, was - annehmen, mit angehängtem -`n, möglicherweise eine Verschmelzung mit einer einleitenden Konjunktion wie das oder was von. «Esse» erinnert, wie va`esse, an das lateinische esse, sein, existieren, als Nomen auch an Wesen und Existenz. Auch «va» kann aus einer romanischen Sprache entlehnt sein - etwa spanisch oder portugiesisch: Va!, Sie geht! Sie wird …! - als Hilfsverb oder Markierung der Zukunft, wie ebenfalls «en», in, aus, von. «Esseáth», von der Wurzel esse (sein) mit Suffix -áth als altirische Nominalendung, die etwas Abstraktes oder Zuständliches markiert: das Sein, die Existenz, das Dasein an sich.
Original - «Que’n = esse, va en = esseáth»23
Interlinear - Was = wird = [ein]gehen = [ins] Dasein
Natürlich sind solche Überlegungen spekulativ, aber sie zeigen immerhin, welche linguistischen Wege Sapkowski für seine Lexeme der Hen Llinge beschritten haben könnte. Und sie belegen auch, dass es sich bei dem lyrischen Paratext «Elaine blath, Feainnewedd» nicht um ein Schlaflied handeln kann, und wenn, dann höchsten mit einer vergessenen oder verborgenen Bedeutung.
Das Gedicht «Elaine blath, Feainnewedd» in den Erzähltexten
Im Zusammenhang mit den Romanen der Witcher-Saga weist bereits der erste Vers des Gedichts «Elaine blath, Feainnewedd» - fast schon mit unbeschwerter Leichtigkeit - darauf hin, dass die Leser:innen es mit einem prophetischen Lied zu tun haben. Die Elfen sehen in einer Protagonistin der Saga, Cirilla von Cintra, die Wiederkehr des „Mädchens der Sonne“, das anderswo «Child of Destiny» genannt wird und eng mit dem Schicksal der Welt verknüpft ist. Sapkowski baut eine Pseudo-Mythologie mit eigener Sprache auf, die wie echte Folklore klingen soll, ohne etwas allzu offensichtlich aus einer existenten Tradition zu übernehmen. Die Aen Seidhe der Witcher-Saga betrachten Cirilla als «Feainnewedd», als Kind der Sonne. In der Mythologie der Edda bekleidet Oðinns Sohn Baldr diese Rolle (Gylfaginning. Kap. 22): strahlend schön von Gestalt, das Haupt wie die Sonne glänzend, ein Gott des Lichts und des Frühlings. Während Baldr die Jahreszeit wendet, erfüllt Cirilla eine Vorherbestimmung, die die Schicksalswende bringen soll, und die im zweiten Paratext von «Blood of Elves» verkündet wird; in Ithlinnes Prophezeiung über das Ende der Welt. Auch Oðinns Sohns Tod markierte eine Schicksalswende, denn sein Tod erschütterte das Gefüge der Welt und löste Ragnarök aus (Volüspá. 20-21) ; mit den gleichen Konsequenzen, die auch Ithlinne verkündet.24
In drei Diskursen in «Blood of Elves» wird der erste Vers des Gedichts zitiert. Zum ersten Mal, als Cirilla von Cintra in eine Trance fällt, und Triss Merigold versucht, «to contact her psychically. I am going to enter her.» Cirillas visionäre Trance knüpft inhaltlich an den zweiten Paratext an, an Ithlinnes Prophezeiung von «Tedd Deireádh», in der vom Ende des Zeitalters die Rede ist: «‘Speak,’ whispered the magician. ‘Speak, child.’ ‘The Child of Elder Blood … Feainnewedd … Luned aep Hen Ichaer … Deithwen25 … The White Flame … No, no …»26 Neben der Bezeichnung Cirillas als «Child of Elder Blood» in einem Atemzug mit «Feainnewedd», bildet die Formel «Luned aep Hen Ichaer»27 eine weitere ritualisierte Bezeichnung für sie: Tochter des Älteren Bluts im Kontext mit «Feainnewedd». Als Mädchen aus der Linie des Älteren Bluts wird sie zu einer Nachfahrin der Blutlinie Lara Dorrens.28 Eine Trägerin des Hen Ichaer ist potenziell zu Weltenwanderungen beziehungsweise Sphärensprüngen fähig, gehört, wie Cirilla in den Prophezeiungskomplex der Ithlinne und ist für die beiden Elfenethnien des Kontinents - Aen Seidhe und Aen Elle - politisch und messianisch relevant. «Luned aep Hen Ichaer» ist kein Eigenname, sondern ein Titel von hohem Prestige: Blutlinie biologisch und genealogisch aufgefasst. Elfen benutzen diesen Titel, wenn sie über Frauen sprechen, die in ihren Prophezeiungen wichtig sind, und sie den sakralen Charakter dieser Linie betonen wollen. Ein weiteres Mal erwähnt Cirilla die erste Gedichtszeile in einem Brief an Geralt in der hier behaupteten, metaphorischen Bedeutung. Darin schreibt sie:
«To express myself well in the Common Speech and in the Elder Speech. I am best at the Elder Speech, I can also write Elder Runes. I will write something for you and you will see for yourself. Elaine blath, Feainnewedd. That meant: Beautiful flower, child of the Sun. You see for yourself that I can.» (BE. 158-159)
Die dritte Referenz von «Feainnewedd» gehört in eine weitere Vision Cirillas, in die dieses Mal Yennefer hineingezogen wird. Und wieder entsteht der Zusammenhang von «Feainnewedd» und «Tedd Deireádh», dem Ende des Zeitalters: «Va’esse deireádh aep eigean ... Something is coming to an end ... What? Elaine blath, Feainnewedd ... Child of the Elder Blood?» (BE. 274) Es fällt schwer, nach diesem mysteriösen Hinweisen noch daran zu glauben, dass es sich bei dem Kleine Blume genannten Gedicht nur um einen Kinderreim oder ein Schlaflied handeln soll? Alles weist auf eine semantische Duplizität hin, wie in einem anderen, vermeintlich harmlosen Abzählreim:
Petersilie, Suppenkraut wächst in unserem Garten,
Unser Ännchen ist die Braut, soll nicht länger warten.
Roter Wein,
weißer Wein,
morgen soll die Hochzeit sein.29
Es ist hinlänglich bekannt, dass Sapkowski seine Inspirationen für die erzählte Welt des Hexers aus der europäischen Folklore bezogen hat, und so gibt es in seiner Pentalogie auch eine Blume, die feainnewedd heißt. Nach einer Legende wächst sie nur an Orten, an dem Älteres Blut vergossen wird, wie in Dol Blathanna, im Tal der Blumen, einst ein Staat freier Elfen, oder an dem Ort, an dem Lara Dorren aep Shiadhal starb.
«And though she was surrounded by the blizzard, the night and the winter, spring suddenly bloomed on the hilltop and feainnewedd flowers blossomed. Even today do those flowers bloom in only two places: in Dol Blathanna and on the hilltop where Lara Dorren aep Shiadhal perished.» (BE. 848)
Für «Tedd» beziehungsweise «Tedd Deireadh» in der Bedeutung von Zeit oder Schicksal und Ende der Welt oder Ende des Zeitalters als Reflex der Ereignisse, die die Sehern der Volüspá prophezeit, gibt es zwei kaum verhüllte Belegstellen in «The Tower of Swallow», dem vierten Roman der Witcher-Saga, die gleichzeitig den zweiten Paratext, Ithlinnes Prophezeiung, in Erinnerung bringen:
«On the Isles of Skellige, for example, a few very superstitious people saw in the curious events a harbinger of Tedd Deireadh, the end of the world, preceded by Ragh nar Roog, the last battle between Light and Darkness.30 The violent storm which rocked the Islands on the night of the Autumn Equinox was regarded by the superstitious as a wave pushed by the prow of the fearsome Naglfar of Morhögg, a longship with sides built of dead men’s fingernails and toenails, bearing an army of spectres and demons of Chaos.»
«For Tedd Deireadh, the Time of the End, the Time of the Sword and the Battle Axe, the Time of Contempt, the Time of the White Cold and the Wolfish Snowstorm shall come . . .’ ‘Poetry.’ ‘Do you prefer it less poetic? As a result of a change in the angle of the sun’s rays, the margin of permafrost will shift - significantly. Then the mountains will be crushed and pushed back southwards by the ice sliding from the North. Everything will be buried under snow. Under a thick layer more than a mile deep. And it will become very – very - cold.’»31
Die Formel «Va’esse deireádh aep eigean», mit der die dritte Zeile des Gedichts entschlüsselt wurde, betont ebenfalls deutlich die Identität von «Elaine blath, Feainnewedd» und Cirilla von Cintra: «Va’esse deireádh aep eigean ... Something is coming to an end ... What? Elaine blath, Feainnewedd ... Child of the Elder Blood.» (BE. 275):
«‘She is the Elder Blood, Hen Ichaer. The blood of elves. The seed which will not sprout but burst into flame. The blood which will be defiled . . . When Tedd Deireádh arrives, the Time of End. Va’esse deireádh aep eigean!’»32
Und was «Tedd Deireádh», das Ende des Zeitalters betrifft, fügt Triss Merigold hinzu: «When Tedd Deireádh arrives, the Time of End. Va’esse deireádh aep eigean!’ ‘Are you foretelling death?’ shouted Triss. ‘Is that all you can do, foretell death?» 33 Folgerichtig wird das Feainnewedd-Gedicht aufgrund seiner Bedeutung für den gesamten narrativen Kosmos der Witcher-Saga auch als Entstehungsgesang gelesen.
Es gibt für Sapkowskis lyrischen Paratext keine vom Autor autorisierte Übersetzung, weder ins Polnische, noch ins Englische oder Deutsche, und die des Fandoms Wiedźminska Wiki erscheint nicht wirklich zuverlässig, betrachtet man die Bedeutung der einzelnen Lexeme in den zitieren Belegstellen sowie ihres Kontexts und ihrer Verwendung. Von diesen einzelnen, kurzen Hinweisen abgesehen, erscheint das Gedicht nirgendwo in der Witcher-Pentalogie. In der polnischen Originalausgabe wie in der deutschen Übersetzung, dient das Gedicht des Paratexts, als atmosphärischer Prolog, dem gleich auf der nächsten Seite ein zweiter Paratext folgt, den ich bereits erwähnt habe, und auf den in einem anderen Zusammenhang ausführlich eingegangen bin.34 In Anbetracht der Ergebnisse der von mir kontextuell interpretierten Verse des Paratext-Gedichts könnte eine freie Übersetzung folgendermaßen lauten:
Holde Maid, Du Kind der Sonne
Von des Himmels Bestimmung
Du des Anfangs Blüte und deren Ende
Das eingehen wird ins Dasein
Holde Maid, Du Kind der Sonne
Anmerkungen
1 Sapkowski, Andrzej. «Blood of Elves». The saga Of The Witcher. Gollancz. London. Ebook. 2020. 3-296; zitiert als SoW; hier SoW. 275. Worte, Phrasen und Sätze aus seiner Kunstsprache Hen Llinge verwendet Sapkowski zuerst in seiner Kurzgeschichte «Sword of Destiny» (Sapkowski, Andrzej. Sword of Destiny. Gollancz. London, 2007). → Zurück
2 Sapkowski, Andrzej. Das Erbe der Elfen. Die Witcher-Saga 1. dtv-Ebook. London, 2008 (Sapkowski, Andrzej. Krew elfów. SuperNOWA, Warszawa, 1994); zitiert als BE. Warum dieser Paratext in der englischen Ausgabe fehlt, lässt sich nur vermuten. Vielleicht wurde er ausgelassen, um den Fokus stärker auf den zweiten, unmittelbar nachfolgendem Paratext zu richten, die für die Saga zentrale Prophezeiung von Ithlinne. Im polnischen Fandom-Wiki (Wiedźmińska Wiki, Lemma Kwiatuszek) wird das Lied «Elaine blath, Feainnewedd» explizit als Paratext aus dem polnischen Original ausgewiesen. Der Text ist als «authorstwa Andrzeja Sapkowskiego» – aus der Feder Sapkowskis - gekennzeichnet. → Zurück
3 Es war Gérard Genette, der den Begriff des Paratexts zuerst für Textteile verwendete, die vom selben Autor stammen wie der Basistext selbst, und die dessen Intentionen unterstützen. Parataxe versammeln außerdem mannigfaltige historische oder philosophische Betrachtungen oder Belehrungen, vermitteln Hintergrundinformationen oder fassen zunächst unbekannte Ereignisse zusammen. Sie rahmen Vorstellungen und Erwartungen der Lesenden, beeinflussen und fördern die Erwartungshaltung sowie die Rezeption des Erzähltexts im Sinne der Autor:innen. Allerdings sind Paratexte fakultativ und Moden unterlegen. → Zurück
4 Sapkowskis zweiten Paratext, die Prophezeiung «Aen Ithlinnespeath», der in allen Ausgaben erscheint, ist nur indirekt Gegenstand meiner Studie. Vgl. dazu Jardner, Herbert W. A witcher fighting destiny! What irony!» Vorherbestimmung, Weissagung und Eschatologie in Andrzej Sapkowskis Dark-Fantasy-Epos The Witcher (unveröffentlicht), . → Zurück
5 Sapkowskis Vorliebe für antike Sprachen beim Entwurf seiner Elfensprache wird häufig zitiert: Beispielsweise in Rosinhas Gonçalves, Joana Mafalda. The Commoditization of Folklore; Mythology in Pop-Culture: The Witcher - a case study. P.Porto 10. 2024 sowie in den verschiedenen Fandom-Wikis. Für die Übersetzung der Morpheme und Lexeme aus Sapkowskis Elfensprache vgl. auch Peterson, David. The Witcher language creator mit umfangreichem Material, darunter ein runisches Elfenalphabet; Rose, Benjamin. The Witcher Is Slavic, And It Isn’t; ein Interview mit Sapkowski; "Don't be a kurva like Geralt"; Rebane, Gala. ‘There is no word for thank you in Dothraki’: Language ideologies in Game of Thrones → Zurück
6 „Grüße! Ich komme um Eithné in Duén Canell zu treffen! Ich bin der weiße Wolf!“ (Sapkowski, Andrzej. «Sword of Destiny». In ders. Sword of Destiny. London, 2016. 250; zitiert als SD). In der Hen Llinge-Vokabelliste kommt «ceádmil» in der Bedeutung Gruß oder Grüße vor. Das Wort erinnert an irisch céad míle fáilte, was hunderttausend Willkommensgrüße bedeutet. Anscheinend ist «ceádmil» ein Derivat von céad míle… «Vá» in «Vá an Eithné meáth e Duén Canell» scheint ein romanisiertes Verb zu sein; «va’en», Reise; «va», gehen. «Eithné» ist der Name eine Dryadin aus Brokilon. «Meáth», begegnen. «e» könnte als Präposition fungieren, in, von, Sohn von (je nach Kontext). In der Vokabelliste gibt es auch «aep» in dieser Bedeutung. «Duén Canell» ist ein Ortsname (ein Waldort oder besonderer Platz im Brokilon). «Esseá» in «Esseá Gwynbleidd» stammt von «essea» / «esseá», ich bin, ab, und hat ein lateinisches Vorbild. «Gwynbleidd», weißer Wolf, ist Geralts Name in Hen Llinge («gwyn», weiß, hell; «bleidd», Wolf. Im Walisischen gibt es gwen (weiß) und blaidd (Wolf). Diese Kurzgeschichte enthält anscheinend die ersten Sätze der Hen Llinge in Sapkowskis Werk. → Zurück
7 Zitiert nach Sapkowski. Erbe der Elfen. Pos.29. Das polnische Fandom-Portal Wiedźminska Wiki präsentiert unter dem Lemma Kwiatuszek (dt. kleine Blume) Gedicht und Übersetzung. Der Text, wie es dort heißt, stammt aus Sapkowskis Kunstsprache «Hen Llinge» und wurde im Wiedźminska Wiki von Marcin „Merlin“ Bartosiewicz in der Stimmung eines Schlaflieds ins Polnische übersetzt: «Piękny kwiatku, Słońca dziecię / Śnij, gdy pokój jest na świecie / Lecz czas każdy żywot zmąca / Co trwa jeszcze, czeka końca / Piękny kwiatku, dziecię Słońca!» Die deutsche Übersetzung von 2008 hat sich dieser Interpretation des Gedichts anscheinend angeschlossen, und titelt: «Das Blümchen, Wiegenlied und beliebter Abzählvers der Elfen.» Meine Bearbeitung dieses Gedichts verwirft aufgrund der in anderem Kontext aufschlussreichen Termini «tedd» und «deireádh» sowie aufgrund der Übersetzung der Phrase «Elaine blath» als Schöne Blume die Vorstellung, dass es sich bei diesem Paratext um ein Schlaflied handelt. → Zurück
8 Online-Übersetzung aus dem Polnischen mit DeepL. → Zurück
9 In der altnordischen Literatur wurden Preisgedichte von Dichtern (Skalden) zu Ehren von Königen, Jarlen oder Helden vorgetragen, um deren Taten zu preisen. Diese Dichtung hatte einen wichtigen sozialen Zweck, da sie als Mittel der Anerkennung und zur Sicherung des Ruhms des so Geehrten diente. Charakteristische Stilmittel waren die Kenningar, komplexe metaphorische Umschreibungen, wie im vorliegenden Gedicht «Elaine blath Feainnewedd» für Cirilla von Cintra. → Zurück
10 Der Name ist mythologisch inspiriert und bezieht sich auf den Begriff Aos Sí - in der älteren Form aes sídhe - aus der irischen Mythologie, der eine Nation von Feen und Elfen bezeichnet, die in einer parallelen Realität leben. → Zurück
11 Außerdem gibt es ein weiteres Problem: Die Interlinearübersetzung der Lexeme der einzelnen Zeilen stimmt nicht immer mit den angegebenen Bedeutungen im Wörterbuch der Ältestenrede (Słownik Starszej Mowy) überein, dem Glossar des Wiedźminska Wiki, dass «Übersetzungen einiger Wörter und Ausdrücke aus der Ältestenrede» (słów i wyrażeń ze Starszej Mowy) enthält. Die Lemmata des Wiedźminska-Wiki-Wörterbuchs ergeben interlinear angewandt in keiner Zeile eine Bedeutung, die auf irgendeine Weise mit der zitierten polnischen Übersetzung ins Deutsche korreliert. → Zurück
12 Vergleiche auch Wiedźminska-Wiki, wo behauptet wird, dass es sich um einen Kinderreim handelt. Diese Annahme lässt sich (auch online) nicht durch eine belastbare externe Bestätigung oder durch unabhängige oder wissenschaftliche Belege absichern, sodass man besser davon ausgeht, dass man es mit einer kreativen Ergänzung eines Fans zu tun hat. Die Behauptung, es handelt sich um ein beliebtes Kinderlied oder Schlaflied der Elfen klingt wie eine stark interpretierende (folkloristische) Zuschreibung. → Zurück
13 «Elaine», schön, hold (engl. fair); «blath», Blume; «feainnewedd»: feainne (Sonne), wedd (Kind, Blüte, Nachkommenschaft, also Kind der Sonne oder Blüte der Sonne; der Name einer seltenen Blume, die nur dort wächst, wo das Alte Blut (Hen Ichaer) vergossen wurde, Symbol und Beiname für Cirilla von Cintra im Kontext der Prophezeiung von Ithlinne. «Feainnewedd» bedeutet wörtlich junge Sonne oder weiße Blume in der Älteren Sprache und ist ein Symbol für Erneuerung und das zyklische Verhältnis von Ende und Anfang. Vgl. auch «Elainne (häufig auch «Élaine») Deireadh», Weltenende etc. «Elainne», auch Welt in der Hen Llinge, ein Ausdruck, der insbesondere im Zusammenhang mit der «Weißen Kälte» steht (TC.383). Für «Tedd Deireadh» (BE.5) siehe unten. → Zurück
14 Brean ist der Name einer Dryade und Gwynbleidd, weißer Wolf, ein Epitheton Geralts of Riva. Beachte auch die unterschiedlichen Schreibweisen: dearme im Gedicht; deárme in der Erzählung» (SD.273). → Zurück
15 Die Verbindung lat. caelum, Himmel, Firmament, ist etymologisch gesichert (protoindoeuropäisch *ḱeh₂i- oder *ḱel-, decken, überwölben; Himmelsgewölbe). Im Lateinischen bedeutet caelum ursprünglich Himmel, Himmelsgewölbe, aber auch Luft, Wetter oder Raum. Die Form «a`cáelme» ist allerdings in linguistischen Quellen nicht belegbar. Das muss sie auch nicht, denn sie gehört in Sapkowskis Kunstsprache. Sie wirkt nur wie eine rekonstruierte, neologisierte Form, mischt keltische, romanische oder neomythologische Traditionen. Auch in diesem Fall wirkt das Suffix [-me] nicht wirklich wie eine reguläre altirische oder lateinische Bildung, eher wie künstlich angehängt oder eine sekundäre Analogie zu Substantiven wie anime (Tier) oder noxme (Nacht). Die Apostrophierung a`cáel- ist eine poetische oder neusprachliche Rekonstruktion, die es in antiken Sprachen nicht gibt. Sie suggeriert einen elidierten Artikel oder ein Präfix, lässt sich sprachhistorisch aber nicht absichern. → Zurück
16 «Tedd» in anderen Bedeutungen als Zeit-Alter: «Elaine tedd a’taeghane, a va’en aesledde?» - «The weather today is beautiful, so let’s get the sleigh.» (BE.90; aber auch pp. 499; 653; 670-671: 1634; 1707). Dieses Beispiel - «aesledde», sleigh, Schlitten - zeigt gut, wie interessant Sapkowski die Lexeme seiner Sprache bildet. → Zurück
17 Die Phrase - von himmlischer Bestimmung -, die ich für «aen a’cáelme = tedd» vorschlage, stößt in der Witcher-Saga auf ein breiteres Motivfeld, dass beispielsweise mit der «Conjunction of Spheres» korrespondiert, die sich zyklisch in Sapkowskis Multiversum ereignet, beziehungsweise mit der Möglichkeit, durch Portale in andere Realitäten zu gelangen, sowie mit der «Wild Hunt» der Aen Elle» die diese Möglichkeit zu Raubzügen auf dem Kontinent der Witcher-Saga nutzen. → Zurück
18 Vgl. unten «va» in der Bedeutung von gehen. Für »esse», sein, siehe auch «Ess`tuat!h», So sei es!, die Schlussformel In Ithlinnes Prophezeiung, ähnlich dem christlichen Amen (BE.5). → Zurück
19 Lexikon der Alten Sprache → Zurück
20 Die Formel kommt bereits in Blood of Elves mehrfach vor (Sapkowski. BE.84; 86; 274). Der Widerspruch, den die beiden Quellen verursachen, ist jetzt nicht aufzulösen, sodass ich davon ausgehen muss, dass die Bedeutung, die in Blood of Elves gegeben ist, die korrekte ist. → Zurück
21 »Eve», wie, gleich, ähnlich (lat. aequus; engl. even); «-lienn», vielleicht walisisch-gälisch beeinflusst, Kind, Junge, Blüte (eine kleine Einheit); unsicher, vielleicht wollte Sapkowski nur „elfisch klingend“ konstruieren. → Zurück
22 Für das Konzept des Elbenfreunds (besonders Eriol, Elendil und Eärendil) in John R.R. Tolkiens Werk siehe Jardner, Herbert W. Tolkiens Elbenfreunde. Weblog Grüne Sonnen, 2024. → Zurück
23 Vgl. auch «Que suecc`s?», Was geschieht? / Was ist passiert? (TC.342 und 527), nahe an italienisch succede, passieren. Meine freie Übersetzung des Gedichts beendet diese Studie zur Hen Llinge. → Zurück
24 In Liedern und Gedichten wird Cirilla mit der Blume «Feainnewedd» identifiziert, die im Videogame The Witcher 2 eine alchemistische Essenz ist. → Zurück
25 In The Witcher bedeutet «Deithwen» in der Hen Llinge «Weiße Flamme» und ist der Beiname des mächtigen Kaisers von Nilfgaard, Emhyr var Emreis, der als Eroberer und Herrscher die Nördlichen Königreiche bedroht und nach seiner Tochter Cirilla sucht, da sie der Schlüssel zur Erfüllung der Prophezeiung der Ithlinne ist, die Welt durch die «Weiße Kälte» zu führen. In den Witcher-Video-Spielen ist Deithwen der Name eines mächtigen Silberschwerts, das Geralt von Riva finden und nutzen kann. Der Begriff bedeutet in der Hen Llinge vermutlich Weißer Tod. Gleichzeitig ist die Division Deithwen eine nilfgaardische Militäreinheit, genauer gesagt die 3. nilfgaardische Heeresgruppe, deren Kommandant Liam aep Muir Moss ist (Sapkowski, Andrzej. «The Lady of the Lake». The saga Of The Witcher. Gollancz. London. Ebook. 2020. 1389-1921; hier SoW.1679). → Zurück
26 Siehe auch Sapkowski. SoW. 84, 159 und 275. → Zurück
27 «Luned aep Hen Ichaer» (BE.5; TC.327) ist grammatisch und semantisch eindeutig aufgebaut und gehört in denselben Bedeutungsbereich wie andere Formeln, die auf die Blutlinie des Älteren Blutes («Hen Ichaer») hinweisen. «Luned», Tochter, weibliche Nachfahrin; poetisch Mädchen / Maid. Entspricht semantisch dem elbisch-keltischen Umfeld, das Sapkowski als Vorlage nutzt (vgl. Welsh Luned oderLunedh, Frauenname; irisch leanbh, Kind. «Aep», von, aus, stammend aus; regulärer Genitiv- oder Herkunftspartikel der Älteren Sprache. «Hen Ichaer», «hen», ur-, alt, älter. «Ichaer» (Elder Blood), Blut, aber nicht biologisch, sondern als magische, genealogische Essenz, eine arcanum-liniengebundene Macht: ein mythisch-magischer Erbstrom, der auf die legendäre Elfenprophetin Lara Dorren zurückgeht (Sapkowski, Andrzej. «Time of Contempt» (TC). The saga Of The Witcher. Gollancz. London. Ebook. 2020. 299-618 (SoW) → Zurück
28 Lara Dorren aep Shiadhal ist eine zentrale Figur in der erzählten Welt von The Witcher, eine Elfenmagierin, die das Ältere Blut (Hen Ichaer), ein starkes, magisches Erbe, in sich trägt und deren Geschichte die Prophezeiung um die Rettung oder Zerstörung der Elfen entscheidend beeinflusst. Ihre Liebe zu einem Menschen, Cregennan von Lod, widersprach den Plänen ihres Volkes, führte aber zur Geburt einer Tochter (Riannon) und legte den Grundstein für die Blutlinie, die in Cirilla kulminiert, die ebenfalls Trägerin dieses mächtigen Gens ist. Aufgrund seiner immensen Macht und Bedeutung ist das Lara-Gen bei Magiern, Herrschern und den Elfen sehr begehrt, sodass Cirilla zum Spielball von Intrigen und politischen Ambitionen wird. Der Paratext des sechsten Kapitels des dritten Romans der Witcher-Pentalogie erinnert an die Sage der Elfenzauberin Lara Dorren, deren Nachfahrin Cirilla ist (Sapkowski. «Baptism of Fire». SoW.848. → Zurück
29 Im Gewand des Abzählreims offenbaren Petersilie und Suppenkraut die tragische Situation einer schwangeren, unverheirateten Frau. Im Mittelalter wurden Petersilie und andere Suppenkräuter, wie zum Beispiel auch der Dill, zur Abtreibung benutzt. Und nachdem das Werk getan war, musste schnell ein Bräutigam für die junge Frau gefunden werden, damit eine erneute Schwangerschaft sich innerhalb der ehelichen Bindung vollzog. → Zurück
30 Ragnarök, der Schlüsselbegriff für den Weltuntergang – die Götterdämmerung – in der nordischen Mythologie. Ebenfalls Naglfar of Morhögg. → Zurück
31 Sapkowski, Andrzej. «The Tower of the Swallow». The saga Of The Witcher. Gollancz. London. Ebook. 2020. 954-1388; hier SoW.961 und 1196. → Zurück
32 Sapkowski. BE. 85. → Zurück
33 Sapkowski. BE. 85. → Zurück
33 Vgl. Anm. 4. → Zurück
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