Dienstag, 27. Dezember 2022

Initiation und Individuation in postmoderner Fantasy


Richard Mayhew, der Protagonist in Neil Gaimans Roman Niemalsland, wird durch eine Begegnung mit dem Mädchen Door in eine ihm unvertraute Wirklichkeit gezogen, in der er sich verschiedenen Prüfungen stellen muss, deren Zweck seine psychische und soziale Entwicklung sowie die Heilung einer gefährdeten Welt ist. Erst durch diese unerwartete Begegnung dringt das Phantastische von außen in Richards Lebenswelt ein, und drängt ihn zu einer Reaktion, der er sich nicht entziehen kann, die er kurz zuvor nicht für möglich gehalten hätte.
In seinem London lebt Richard ein angepasstes, abhängiges und entfremdetes Leben, das von eng definierten Regeln und Konventionen bestimmt wird. Für Außergewöhnliches, erst recht für Magisches oder Phantastisches, gibt es in seinem Leben keinen Platz. Phlegmatisch und resigniert treibt er durch sein langweiliges Leben. Abgestumpft in seiner Wahrnehmung und in seinem Empfinden, verkümmert im Dschungel der Metropole seine Wahrnehmung für Spirituelles oder Übersinnliches, für Transliminales, fast völlig. Als er sich einem verletzten Mädchen, das auf dem Bürgersteig liegt, zuwendet, ahnt er, dass es mehr geben muss, als sein ereignisloses, sinnlos verlaufendes Leben. Unversehens gerät er in einen Strudel mythischer Ereignisse wie sie phantastischer nicht sein können. Er trifft auf machtvolle Personen mit magischen Kräften und Fähigkeiten, die es bisher in seinem Leben nicht gab, und die er sich lange weigert als Realität anzuerkennen, da er sie bis zuletzt nicht wirklich verstehen und kontrollieren kann. In Niemalsland existiert das Phantastische potentiell als Möglichkeit für den, der sich ihm öffnet - the magic hovers in the corner of the eye - ist nur einen Schritt weit entfernt, schaut man nur richtig hin.

 


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