Montag, 16. September 2024

Tolkiens Elbenfreunde


Ideale sind wie Sterne:
Wir erreichen sie nie,
Wir können aber
- Wie der Seemann auf dem Meer -
Unseren Kurs nach ihnen ausrichten.
Carl Schurz

Ich weiß nicht mehr, wer gesagt hat, Schöpfung sei Erinnern. Meine eigenen Erfahrungen,
und das, was ich gelesen habe, bleiben mir im Gedächtnis und bilden die Grundlage für
meine schöpferische Arbeit. Aus dem Nichts heraus kann ich nichts schaffen
.
Akira Kurosawa

Wenn nicht John Ronald Reuel Tolkien, wer sonst wäre ein Elbenfreund. Der Titel Elbenfreund (Elendil) erinnert an den Herrn der Ringe, und die Leser*innen denken vielleicht an den Hobbit Frodo und seine Begleiter, vielleicht aber auch an die großen Vorfahren Aragons oder die steinernen Monumente der Argonath (S, die zwei edlen Steinernen). Als Frodo endlich den Entschluss fasste, seine Reise anzutreten und sich auf die Abenteuer einzulassen, die ihn entlang seines Weges erwarteten, begegnete ihm Gildor Inglorion aus Finrods Geschlecht. Kaum der Gefahr der Begegnung mit einem der Schwarzen Reiter entronnen, hörten die vier Hobbits den Gesang der Eldar (Elben):1

Doch in diesem Augenblick hörte man ein Singen, das von Gelächter unterbrochen wurde. Helle Stimmen drangen durch die sternklare Nacht. Der schwarze Schatten richtete sich auf, und zog sich zurück.

Montag, 9. September 2024

Re-read Elantris


Vorbemerkung

Elantris ist eine der Cosmere-Erzählungen, die Brandon Sanderson im Planetensystem Sel angesiedelt hat, in dessen Zentrum der gleichnamige Planet steht.1 Sel ist Heimat to multiple empires that, uniquely, have remained somewhat ignorant of one another. It is a willful kind of ignorance, with each of the three great domains pretending that the others are mere blips on the map, barely worth notice. Zwei Splitter (shards) des ursprünglichen Adonalsiums, Dominion (Herrschaft) und Devotion (Hingabe), haben großen Einfluss auf die Entwicklung menschlicher Gesellschaften auf Sel, und die meisten Traditionen und Religionen lassen sich auf diese beiden Splitter zurückführen. Elantris ist nicht die einzige Cosmere-Erzählung, für deren Geschehen Sel die Bühne ist.2 2012 veröffentlichte Sanderson eine Novelle, The Emperor`s Soul, die ich in einem eigenen Blogbeitrag besprechen werde. In der Anthologie Arcanum Unbound erschien dann 2016 die dritte Cosmere-Erzählung, The Hope of Elantris, für deren Geschehen Sel ebenfalls die Bühne ist. Das Geschehen dieser Kurzgeschichte ereignet sich während des finalen Angriffs von Hrathens Truppen, den Derethi, auf Elantris. Sanderson erzählt, wie ein junges Mädchen durch Hoffnung und Entschlossenheit ihre Gemeinschaft inspiriert, auf Prinz Raodens Eingreifen zu warten, damit dieser mit magischen Kräften den Angriff abwehrt und Elantris rettet: eine Erzählung von Hoffnung und Mut in einer scheinbar aussichtslosen Situation.

Brandon Sandersons Cosmere-Debut

Elantris ist Brandon Sandersons erzählerisches Cosmere-Debut, der Kontinent Arelon die erste fiktionale Welt in diesem Universum. Als Genre betrachtet, gehört Elantris zur High Fantasy, und nach Farah Mendlesohns Rhetorics zur Kategorie der portal quest oder immersive fantasy.3 Elantris ist eine Stadt in Arelon, Kae ein Königreich in einer Sekundärwelt. Insofern ist Elantris als Genre auch eine secundary world fantasy, die in einer vollständig fiktionalen Welt spielt, die eigene Regeln, Kulturen und ein Magiesystem besitzt. Die Stadt Elantris und das Königreich Arelon existieren in einer komplexen, magischen Welt, die von Brandon Sandersons Cosmere-Worldbuilding geprägt ist (immersive fantasy). Sandersons Cosmere ist ein ambitioniertes, übergreifendes Konzept, das seine sekundären Welten, mehrere verschiedenen Planeten mit eigener Kultur und Geschichte verbindet, die alle Teile eines gemeinsamen Universums sind. Jeder dieser Planeten hat ein eigenes Magiesystem (Investitur), das auf den grundlegenden Prinzipien des Cosmere basiert.4

Donnerstag, 5. September 2024

Mein Name ist Kvothe!


Aber gerade ihr solltet doch im Klaren sein, wie schmal der Grat ist,
der die Wahrheit von einer überzeugenden Lüge trennt.
Die historische Wahrheit von einer unterhaltenden Geschichte

Kote in Der Name des Windes.1

Die Konstruktion postmoderner Fantasy in Patrick Rothfuss` Königsmörder-Chronik

Die Königsmörder-Chronik von Patrick Rothfuss ist eine epische Fantasy-Romanreihe, die neuerdings in drei Romanen und zwei Novellen vorliegt: Der Name des Windes (2007; The Name of the Wind) und Die Furcht des Weisen (2011; The Wise Man's Fear). Mittlerweile gibt es vier Spin-offs der Königsmörder-Chronik: die drei Novellen The Lightning Tree (in George R. R. Martin and Gardner Dozois (ed.), Rogues, 2014), Die Musik der Stille (2015; The Slow Regard of Silent Things [2014]) sowie Der Weg der Wünsche (2023; The Narrow Road Between Desires), die das Schicksal der Nebenfiguren Bast oder Auri weiterverfolgen, sowie die Kurzgeschichte How Old Holly Came To Be (in Shawn Speakman, Unfettered 2013).
In den primären Erzähltexten steht Kote-Kvothe im Zentrum, ein legendärer Magier, Musiker und Abenteurer, der seine Lebensgeschichte im Gasthaus am Wegstein einem reisenden Chronisten erzählt. Die Romanstruktur und die Erzählperspektiven bieten interessante Einblicke in die Art und Weise, wie Autoren Phantastischer Literatur ihre Erzähltexte konstruieren. Das erzähltextanalytische Instrumentarium von Franz K. Stanzel und Gérard Genette, das ich in meiner Studie anwenden werde, bildet einen ausgezeichneten Werkzeugkasten für einen Blick hinter die Kulissen einer populären Fantasy-Serie.*

* Vgl.a. Herbert W. Jardner, Die Konstruktion sekundärer Welten, Blogbeitrag Grüne Sonnen, 2023.

Seit den 1950er Jahren wurde es zunehmend üblich, dass erfolgreiche Fantasy-Autoren ein strukturelles, narratives Mittel wieder verwenden, das Erzähler schon im Mittelalter entwickelt hatten – die Technik des Interlacement (entrelacement).2 In die moderne Fantasy-Literatur eingeführt haben diese Technik insbesondere Autoren wie J.R.R. Tolkien für sein epochales Werk The Lord of The Rings sowie in dessen Nachfolge Robert Jordan in The Wheel of Time. Im Gegensatz zu den Erzähltexten der heroischen Fantasy sowie der sword and sorcery, die mehrheitlich einem linear-progressiven Diskurs folgen, auf dem sich Reflektorfiguren (POV) auf einem Zeitstrahl bewegen, orientiert sich die epische high fantasy an der Tradition von Werken mit einer breiteren Perspektive und komplexen, in mehrere parallele Erzählstränge gebündelte Plots. Neuerdings hat G.R.R. Martin in seinem Epos A Song Of Ice And Fire diese literarischen Instrumente im Rahmen seiner realistic oder historical fantasy virtuos vorgeführt, und für sein Interlacement-Konzept jeweils eigene, perfekt korrespondierende Point-of-View-Charaktere entwickelt.3 Diese beiden narrativen Mittel markieren mittlerweile den Unterschied zwischen dem talentierten, kreativen Autor und dem vielgelesenen und publizistisch erfolgreichen Autor.

Patrick Rothfuss schlägt in seinem mehrbändigen Debüt der Königsmörder-Chronik einen anderen Weg ein, den er allerdings nicht als erster ging.4

Dienstag, 3. September 2024

Ein postapokalyptischer Roadtrip


Cormac McCarthy probt in Die Straße das Ende der Menschheit

Am Rande der Nacht liegen die
Ländereien dieses Erzählers, an der
Grenze zur allumfassenden Dunkelheit.

Süddeutsche Zeitung

Vorbemerkung

Cormac McCarthys Roman Die Straße ist ein düsterer, minimalistischer postapokalyptischer Roman expressionistischer Manier, inhaltlich provokativ und erzähltechnisch elaboriert mit einem Mix interessanter narrativer Strategien, sie tief ins Bewusstsein seiner Leser*innen greifen. McCarthys Roman führt ihnen vor, auf welcher Straße die Menschheit unterwegs ist, was mit ihren sozialen Beziehungen und der ökologischen Stabilität ihres Planeten geschehen wird, wenn es ihr nicht gelingt, ihre Habgier nach Macht und Geld sowie ihren maßlosen Konsum zu beherrschen. Ulrich Greiner nennt McCarthy, als sein Roman Die Straße in Deutschland erschien, den merkwürdigsten Einsiedler der amerikanischen Literatur. Sein Werk ist der geistige Wallfahrtsort aller untergangsseligen Fantasten. Sehr suggestiv, in der Tat, sehr unheimlich und ziemlich verdächtig. Monströs nennt er McCarthys Roman, aber nicht monströser als die Realität. Die globale Katastrophe ist seit Erfindung der Atombombe möglich. Beim Lesen seines Selbstgesprächs schleicht sich schließlich doch der Verdacht ein, dass Greiner die Wahrscheinlichkeit der Vernichtung des Planeten und der Lebensgrundlage der Menschheit als Fiktion betrachtet, gleichgültig ob durch eine nukleare oder eine Klimakatastrophe. Vielleicht würde er McCarthys Roman in einer Zeit, in der Menschen verzweifelt genug sind, und sich auf Verkehrskreuzungen und Start- und Landebahnen festkleben, anders bewerten.1