Und so wie das Sprechen ein Erfinden in Bezug auf Objekte und Ideen ist,
so ist der Mythos ein Erfinden in Bezug auf die Wahrheit.1
I didn´t say in the same way, said Jeremy.
There are secondary planes or degrees2.
»Rings um euch liegt die weite Welt:
Ihr mögt euch einzäunen, aber euer Zaun wird
sie nicht fernhalten.«3
Christopher Tolkien und Humphrey Carpenter bezeichnen Tolkiens Texte wiederholt als Mythologie. Aber auch Tolkien selbst verwandte diese Bezeichnung für sein Werk, als er davon sprach, eine Mythologie für England schaffen zu wollen.4
Meines Erachtens trifft dieser Terminus das, was die moderne Literaturwissenschaft als
phantastische Literatur bezeichnet nicht ganz, obwohl Tolkien sicherlich als
Diskursivitätsbegründer gelten kann: als die „Mutter“ aller rezenten epischen High-Fantasy.5 Wenn
Tolkiens Bemühen in der Schaffung einer Mythologie lag, dann schwebte ihm sicherlich eine
Heldenmythologie, eine Heldenepik, wie der altenglische Beowulf vor.
In seinen alliterierenden Versdichtungen näherte er sich dem altenglisch-eddischen Heldenlied. Treffender ist es aber, den
größten Teil der Texte Tolkiens als literarische Erzählungen zu bezeichnen, vergleichbar
denjenigen der nordischen Sagaliteratur.6 Für seine narrativen Texte konzipierte Tolkien in
seinen künstlichen Sprachen Quenya [Q] und Sindarin [S] einen eigenständigen Terminus, der
diesen Sachverhalt beleuchtet: Q nyár-, erzählen, berichten.7 Auch die Earendil-Erzählung,
deren Thema sich in die altnordische Mythologie verzweigt, steht, so wie Tolkien sie erzählt,
der Saga näher als der Mythologie, der Tolkien den Impuls zu diesem Thema verdankt.8 Die
philosophische Ebene, die der narrativen Ebene unterliegt, behandelt die großen mythologischen
Themen: Tod, Wiedergeburt und das Schicksal der Kulturen Mittelerdes. Eng damit verknüpft sind
Betrachtungen über Sterblichkeit und Ewiges Leben, ein Thema, das Tolkien als Große Flucht
formuliert, die einst über den Geraden Weg (The Straight Road) führte, den die Angst der Menschen
vor dem Tod schließlich krümmte. Dass Kritiker für Tolkiens Werk schon früh den Vorwurf des
Eskapismus bemühten, darauf werde ich noch näher eingehen. Eine genauere Differenzierung
macht allerdings deutlich, dass das Gegenteil wahr ist. Im seinem Essay Über Märchen bekennt
sich Tolkien offensiv zum Märchen als eskapistischer Literatur und als Fluchtweg. In der Flucht, die für ihn weder verwerflich noch anstößig ist, sieht er die eigentliche Funktion des Märchens: